In der Vertrauenskrise

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In der Vertrauenskrise

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Berlin (ots) – Welch eine Chance, welch ein Versäumnis. Papst Franziskus hätte vor den Augen der Weltöffentlichkeit ein Zeichen setzen können. Wenn er nur einmal konkret geworden wäre, hätte er die hohen Erwartungen an seine Abschlussrede zum Antimissbrauchsgipfel im Vatikan erfüllen können. Nun aber nehmen seine Gottesmänner eine diffuse Botschaft mit in ihre Bistümer und Gemeinden, nämlich die, dass jeder Missbrauchsfall „mit der größten Ernsthaftigkeit“ angegangen werden soll. Das soll es gewesen sein?

Die Opfervertreter sind zu Recht erschüttert. Zumal Franziskus persönlich zum Konferenzbeginn konkrete Taten statt Worte eingefordert hatte. Aber auch da: nur Banalitäten. Dass die katholische Kirche vor Ort künftig Opfer des sexuellen Missbrauchs begleiten und nötige Hilfe leisten muss, sollte nicht erst durch eine päpstliche Anweisung zum Selbstverständnis einer Kirchengemeinde werden. Und dass der Pontifex sogar einen Verhaltenskodex fordern muss, der die Grenzen des persönlichen Umgangs zwischen kirchlichen Vertretern und Gläubigen festlegt, zeigt vor allem eines: Die katholische Kirche hat als Weltorganisation keinen einheitlichen moralischen Kompass im Umgang mit den Schandtaten in den eigenen Reihen.

Sie fängt jetzt erst an, sich der Verantwortung zu stellen. Sie diskutiert jetzt erst, wie sie mit staatlichen Stellen kooperieren müsste. Einen des Missbrauchs oder der Tatvertuschung schuldig gewordenen Priester aus dem Dienst zu entfernen, mag ja kirchenintern eine Höchststrafe sein. Für die Opfer, ihre Angehörigen und alle, die mit klarem Menschenverstand ein Verbrechen als solches erkennen, ist das viel zu wenig. Die Täter gehören vor Gericht und verdienen die Urteile weltlicher Richter. Über Jahrzehnte ist die Justiz – nicht nur in Deutschland – außen vor geblieben, weil Kirchenvertreter den Missbrauch geduldet und verborgen haben. Und das systematisch. Teilweise bis heute.

Dieser erste Versuch der katholischen Kirche, aus der weltweiten Vertrauenskrise zu lernen, ist gescheitert. Es war der Erzbischof aus dem fernen australischen Brisbane, der als Gast im Vatikan von seiner Kirche eine „kopernikanische Revolution“ verlangte. Er meinte die Erkenntnis, dass nicht die missbrauchten Menschen sich um die Kirche drehen sollen. Sondern die Kirche müsse es sein, die sich um die Menschen drehe. Doch für Revolutionen ist die katholische Kirche nicht gemacht. Es hat viel mit ihrer schwer überschaubaren Größe zu tun, dass sie in antidemokratischen, mittelalterlichen Machtstrukturen verharrt. So aber wird sie nie in der Lage sein, den priesterlichen Zölibat ernsthaft zu hinterfragen. Und so wird sie auch weiterhin die theologische Gleichberechtigung von Mann und Frau verneinen. Nur, was muss noch geschehen, damit die Zeit für die nächste kopernikanische Wende gekommen ist?

Die zuletzt wieder gestiegenen Austrittszahlen in Deutschland sprechen für sich. Sie dokumentieren, wie sich katholische Christen und ihre Glaubensinstitution voneinander entfernen. Niemand sollte darüber verwundert sein. Zu spät hat sich diese Kirche ihren eigenen Ungeheuerlichkeiten gestellt. Zu selbstbezogen, zu rückwärtsgewandt, zu mutlos tritt sie zugleich einer sich wandelnden Gesellschaft entgegen. Die katholische Kirche könnte so viel mehr sein: eine Kirche, die nicht nur Schuld benennt, sondern glaubhaft Trost spendet. Eine, die sich im Umgang mit Verbrechen nicht über den Staat und dessen Regeln erhebt, sondern selbst hart durchgreift. Auf dass nicht noch der letzte Rest der Gläubigen sein Gottvertrauen verliert.

Quellenangaben

Textquelle:BERLINER MORGENPOST, übermittelt durch news aktuell
Quelle:https://www.presseportal.de/pm/53614/4201735
Newsroom:BERLINER MORGENPOST
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