Nichtwissen ist auch keine Lösung

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Nichtwissen ist auch keine Lösung

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Regensburg (ots) – Für die einen ist es der Deckel zur Büchse der Pandora, für die anderen eine ersehnte Erleichterung: Der Gentest, mit dem sich durch eine Untersuchung des Blutes einer Schwangeren relativ sicher feststellen lässt, ob ihr Baby mit dem Down-Syndrom, dem Pätau-Syndrom oder dem Edwards-Sydrom zur Welt kommen wird. Der Test könnte ab Herbst kommenden Jahres zur Kassenleistung werden und bei Risikoschwangerschaften mit Verdacht auf eine Chromosomenanomalie die bislang übliche, risikoreichere Fruchtwasseruntersuchung ersetzen. Die Entscheidung darüber soll im August fallen. Das Thema wird in den kommenden Monaten immer wieder die Schlagzeilen bestimmen, auch der Bundestag diskutierte unlängst darüber. Denn der Einsatz des Testes berührt zwei große Themen: Die Frage, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen und mit Menschen mit Behinderung umgehen soll ebenso wie die Frage, wie weit das Selbstbestimmungsrecht der werdenden Mutter und ihrer Familie reicht. Befürworter des Tests argumentieren mit dem Recht der Mutter, erfahren zu dürfen, ob ihr Kind gesund ist. Und zwar mit der Methode, die das geringste Risiko für Mutter und Kind bedeutet. So dass sie eine eigenständige Entscheidung darüber treffen kann, ob sie sich zutraut, einem behinderten, möglicherweise lebenslang hilfsbedürftigen Kind ein gutes Leben zu bieten. Gegner des Tests führen an, dass mit einer leichteren Identifizierung von Behinderungen auch deren Eliminierung vereinfacht wird – gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte ein drastisches Argument. Dass Eltern, die sich gegen den Test oder im Anschluss an den Test gegen eine Abtreibung und für ein behindertes Kind entscheiden, immer mehr unter Rechtfertigungsdruck geraten könnten. Und dass die Etablierung des Tests als Kassenleistung Tür und Tor öffnet für die Zulassung weiterer Testverfahren, die auch andere Behinderungen erkennen und womöglich ausmerzen können. Die Argumente zeigen, wie selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass die Mehrheit der Eltern sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheidet, wenn sie von einer Behinderung ihres Kindes erfahren. Schon jetzt werden etwa neun von zehn Schwangerschaften, bei denen ein Down-Syndrom diagnostiziert wird, vorzeitig beendet. Häufig, weil die werdenden Eltern befürchten, das Leben mit einem behinderten Kind nicht meistern zu können. Und vielleicht liegt hier das eigentliche, größere Problem. Dass werdende Eltern behinderter Kinder gar keine freie Entscheidung für oder gegen eine Abtreibung treffen können, solange sie fürchten müssen, im Alltag mit einem behinderten Kind überfordert, allein gelassen oder stigmatisiert zu werden. Die Diskussion über Sinn und Unsinn eines Testes, der ohnehin bereits zugelassen, für Selbstzahler problemlos verfügbar ist und nur ein bereits gängiges, aber unsichereres Verfahren ersetzen soll, ist überflüssig. Die Büchse der Pandora ist schon offen, aber ob es wirklich Übel sind, die daraus entweichen, muss sich erst noch zeigen. Denn es ist Fakt, dass die Pränataldiagnostik immer präziser arbeitet und Gendefekte immer früher und genauer festgestellt werden können. Und es ist fair sowohl den Eltern – wenn diese das wollen – als auch den Kindern gegenüber, diese Tests zuzulassen und Eltern so die Möglichkeit zu geben, sich frühzeitig auf eine Behinderung ihres Kindes einzustellen. Die eigentlich relevante Frage aber ist, ob es in Deutschland in Zukunft noch ein vielfältige Gesellschaft geben soll, in der Menschen mit angeborener Behinderung einen Platz haben. Wer diese Frage bejaht, der muss dringend nach Anreizen suchen, die werdenden Eltern die Entscheidung für ein Leben mit einem behinderten Kind erleichtern.

Quellenangaben

Textquelle:Mittelbayerische Zeitung, übermittelt durch news aktuell
Quelle:https://www.presseportal.de/pm/62544/4261391
Newsroom:Mittelbayerische Zeitung
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