Rabiat: Arsch hoch, Deutschland! –  – Mo., 13.5. – File im …

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Rabiat: Arsch hoch, Deutschland! – – Mo., 13.5. – File im …

8 min

Bremen (ots) –

Radio Bremen im Ersten

Montag, 13. Mai 2019, 22:45-23.30 Uhr

Rabiat: Arsch hoch, Deutschland! Ein Radio Bremen-Film von Anne Thiele

Die Rabiat-Reportage “Arsch hoch, Deutschland!” zeigt ein Sittengemälde der Abgehängten und Unzufriedenen in Zeiten der Vollbeschäftigung. Egal, ob in Ost oder West, sieht das Bild ähnlich aus: Die Armut nimmt zu, trotz sinkender Arbeitslosigkeit. Wer arm ist, ergibt sich, in manchen Familien über Generationen hinweg. Warum eigentlich, fragt Rabiat-Autorin Anne Thiele sich, die Protagonisten und die Zuschauer.

Berlin Marzahn, 5:30 Uhr am Neujahrsmorgen. Kerstin Brandt sammelt das, was vom Rausch der Nacht liegen geblieben ist. “Hier, 15 Cent!”. Drei Stunden später hat die 30-jährige Berlinerin eine Ausbeute von vier Euro Pfand. “Das Geld liegt auf der Straße!” Kerstin ist Mutter von zwei Kindern, sie geht sechs Stunden am Tag arbeiten, fünf Tage die Woche. Dennoch muss sie mit Hartz 4 aufstocken. Als arm empfindet sich Kerstin trotzdem nicht. Auch wenn sie es per Definition ist. Kerstin schöpft alle Möglichkeiten aus, die der Staat ihr bietet. “Was mir zusteht, krieg ich. Man muss nur wissen, wie. Viele wissen das nicht.” Durch ihren Job hat Kerstin 200 Euro mehr raus, als durch den Hartz 4-Satz von aktuell 423 Euro. “Ein Anreiz, Arbeiten zu gehen, ist das eigentlich nicht. Aber ohne fällt mir die Decke auf den Kopf.”

Aktuell sind ca. 1,2 Mio. Erwerbstätige wie Kerstin zusätzlich zu ihrem Einkommen auf Hartz 4 angewiesen. Ca. weitere zwei Millionen haben Anspruch darauf, ohne es zu beziehen. Jeder Sechste lebt in Deutschland in relativer Armut. Andere haben Angst vorm Abstieg oder leben seit Jahren in prekären Verhältnissen. Trotz Sozialstaat und Vollbeschäftigung. In einem Land, das seit Jahren wirtschaftlich boomt und zu den reichsten Ländern Europas gehört. Selbst dran schuld? Wer nur richtig will, der kriegt einen Job?

Jürgen Weber kann bei der Frage, warum er jahrelang keinen Job gefunden hat, nur noch müde lächeln. “Irgendwas war immer: Alter, Gesundheitszustand, überqualifiziert, unterqualifiziert, Nase nicht gepasst.” Faul sei er in der Zeit nicht gewesen. “Ich war arbeitssuchend, nicht arbeitslos.” Der Lebenslauf des 59-Jährigen ist fünf Seiten lang. Von einer Maßnahme in die nächste. Umschulung hier, Ein-Euro-Job da. Bis vor einem Jahr. Da konnte sich Weber eine Weiterbildung erstreiten. Über 30 Mal hat er schon gegen das Amt geklagt. Ob gegen Sanktionen oder für mehr Geld. Heute hat er einen Security-Job, bewacht im nächtlichen Schichtdienst das Potsdamer Schloss. Der Traumjob sei das nicht. Eher die Einsicht in die Notwendigkeit. Dann seien zumindest noch ein paar Euro mehr Rente drin und endlich wieder ein Sozialleben. “Man vereinsamt ja zuhause. Wo soll man auch hin ohne Geld? Mein letzter Kinobesuch, da ist die Titanic gesunken.”

Lasse Petersdotter könnte es ähnlich gehen. Seine Mutter: alleinerziehende Altenpflegerin mit drei Kindern, der Vater Hartz 4-Empfänger. Doch der 29-Jährige ist heute Abgeordneter im Schleswig-Holsteinischen Landtag. Wie er es geschafft hat? “In der siebten Klasse sagte eine Lehrerin zu mir: ‘Lasse, Du wirst später hier die Fenster putzen.’ Ich dachte nur: Jetzt erst recht! Dir zeig’ ich’s. Ich war respektlos und zornig.”

Thomas Kornetzki hat eine kleine Baufirma in der Nähe von Hamburg und sucht händeringend Personal und Nachwuchs. 2013 hat er den letzten Auszubildenden eingestellt. Seitdem bewerben sich jedes Jahr gerade mal eine Handvoll Schulabgänger auf seinen ausgeschriebenen Ausbildungsplatz. “Zu meiner Zeit hatten wir zwei 30er Klassen im Handwerk. Jetzt sind es gerade mal fünf Leute im ganzen Landkreis.” Woran das liegt? Zu wenig Gehalt, zu viel Arbeit. Keiner wolle mehr körperlich arbeiten, bei Wind und Wetter. “Wenn ich heute meinen Kindern erzähle, sie sollen mal draußen spielen, nimmt mein Sohn seinen Laptop mit auf die Terrasse.” Abi machen und studieren gehen – das würde heute von den jungen Leuten erwartet. Und: Geld fließe in die Industrie, nicht in mittelständische Unternehmen. “Was die Politik nicht auf dem Zettel hat: Wir kriegen immer mehr Häuptlinge und keiner Indianer mehr”

Rabiat-Reporterin Anne Thiele begibt sich auf eine Reise durch Deutschland, die sie auch zu den Menschen in die Plattenbauten von Jena und Umgebung führt – zurück an den Ort, an dem die Autorin aufwuchs. Sie trifft Lasse Petersdotter in seiner Heimatstadt Kiel und im Berliner Bundestag, sammelt mit Kerstin Brandt am Neujahrsmorgen Flaschen und besucht Jürgen Weber in seiner Potsdamer Plattenbauwohnung, in der er seit 43 Jahren zur Miete wohnt. Die Rabiat-Reportage “Arsch hoch, Deutschland!” geht auf Reisen zu denen, die übersehen werden, die sich abgehängt fühlen, wütend sind oder resignieren. Sie sucht nach Menschen, die nicht arbeiten wollen, und denen, die keinen Job finden.

Stabliste Buch/Regie Anne Thiele Kamera Matthias Bähr, André Grabinski Schnitt Danny Breuker, Manuel Weingärtner Ton Lorenz Brehm, Tobias Rüther Produktionsleitung Michael Kappler Producer Manuel Möglich, Christian Tipke Redaktion Jochen Grabler (Radio Bremen) Leitung Thomas von Bötticher (Radio Bremen)

Eine Produktion der Sendefähig GmbH im Auftrag von Radio Bremen für Das Erste © 2019

Rabiat – das junge Reportageformat von Radio Bremen

Das Reportageformat “Rabiat” im Ersten gibt jungen Reporterinnen und Reportern die Möglichkeit, ihre Geschichte für ein großes Fernsehpublikum zu erzählen. Die Autorinnen und Autoren veröffentlichen ihre Reportagen seit knapp drei Jahren als “Y-Kollektiv” für funk, das Contentnetzwerk von ARD und ZDF. Sie sind preisgekrönt, nominiert, auffällig. Journalistinnen und Journalisten mit Haltung und Tiefgang im On, die auch mal voll in die Kamera sprechen, gehören zum Konzept. Der Fokus richtet sich auf die teilnehmende Beobachtung, das Kennenlernen, das Erleben. In drei neuen Reportagen, die ab dem 13. Mai montags im Ersten laufen, sind sie ganz nah dran: Die Macherinnen und Macher stoßen Zuschauerinnen und Zuschauern mit ihrer subjektiven Erzählweise auch mal vor den Kopf. Sie bauen Klischees in den Filmen auf, um sie postwendend zu brechen. Neue Sichtweisen sollen sich eröffnen. Die Filme wollen, sollen, ja sie müssen polarisieren, denn das macht gute Geschichten aus.

Die weiteren Folgen der Rabiat-Staffel (um 22.45 Uhr bzw. 23.00 Uhr im Ersten):

– 20. Mai: Deutschland den Deutschen? – 27. Mai: Scheißjob Bulle!

Die Fotos sind bei ARD Foto (www.ard-foto.de) abrufbar.

Quellenangaben

Textquelle:Radio Bremen, übermittelt durch news aktuell
Quelle:https://www.presseportal.de/pm/118095/4266879
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