Börsen-Zeitung: Krise im Quadrat, Kommentar zur Weltwirtschaft von Stefan Reccius

Frankfurt (ots) –

3,6 Prozent statt der bis zum Krieg erwarteten 4,4 Prozent Wachstum im laufenden Jahr: Die Zahlen an sich – so drastisch die Abwärtsrevision sein mag – lassen den Schock des Ukraine-Kriegs für die Weltwirtschaft allenfalls erahnen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) setzt auf Metaphorik, um seinen im Angesicht des Kriegs kalt und merkwürdig steril wirkenden Prognosen jene Wucht zu verleihen, die der Lage angemessen ist: Der Krieg sei wie ein Erdbeben, dessen wirtschaftliche Folgen sich wie seismische Wellen ausbreiten – vor allem über Rohstoffmärkte, Handel und finanzielle Verflechtungen.

Die Frühjahrstagung von IWF und Weltbank steht ganz unter dem Eindruck des Ukraine-Kriegs. Das scheint gerade aus hiesiger Sicht folgerichtig. Der fürchterliche Krieg auf dem eigenen Kontinent geht mit dem Beginn der russischen Großoffensive im Donbass in eine neue, noch unerbittlichere Phase über. Noch weit einschneidendere Sanktionen wie ein Öl- oder Gasembargo rücken näher – mit unabsehbaren Folgen vor allem für die deutsche .

In streng ökonomischer Denke kommt dabei ein zweites Problem zu kurz, auf das die Analogie des IWF ebenfalls zutrifft. Nicht Militärs in Tarnkleidung mit Panzern und Maschinengewehren haben es ausgelöst, sondern Testkommandos in weißen Schutzanzügen mit Wattestäbchen. Das Epizentrum dieses Erdbebens liegt in Schanghai. Chinas Nulltoleranzpolitik in Sachen Corona hat die Wirtschafts- und Finanzmetropole seit Wochen lahmgelegt. Behörden in anderen chinesischen Städten sind gefolgt. Ein Ende der drakonischen, unverhältnismäßigen Beschränkungen des öffentlichen Lebens bei Deutschlands wichtigstem Handelspartner ist nicht absehbar. Westlichen Wirtschaftsvertretern, die ihre Kritik gewöhnlich sorgsam verklausulieren, um es sich mit Peking nicht zu verscherzen, fällt es immer schwerer, die Contenance zu bewahren.

Krieg in der Ukraine und permanenter Corona-Alarm in China: Für die Weltwirtschaft potenzieren sich gerade die Risiken. Die Gefahr einer Stagflation – also einer schwachen Wirtschaftsleistung bei hoher Inflation – ist real und wird von Tag zu Tag größer. Selbst die drastisch gestutzten Wachstumserwartungen des IWF für Deutschland, die Eurozone und die Welt könnten zu hoch gegriffen sein. Das vergrößert das Dilemma für die Zentralbanken, die Inflation im Zaum zu halten, ohne die Konjunktur abzuwürgen. Trotzdem mahnt der IWF, Zinserhöhungen nicht auf die lange Bank zu schieben. Mehr denn je muss sich insbesondere die Europäische Zentralbank angesprochen fühlen.

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