Börsen-Zeitung: Stimmungswandel, Kommentar zu Bondrenditen von Kai Johannsen

Frankfurt (ots) –

Geraume Zeit ist das Urteil an den Kapitalmärkten recht einhellig – bisweilen vielleicht auch ein wenig einseitig – ausgefallen: Die Inflation – wesentlich im Gefolge der Covid-19-Pandemie – ist dies- und jenseits des Atlantiks auf mehrjährigen Hochs bzw. den höchsten Ständen seit Jahrzehnten. Das muss die Notenbanken auf den Plan rufen, die sich mit einer geldpolitischen Straffung gegen die hohe Teuerung stemmen müssen, damit sie nicht zur Gefahr eines andauernden Währungs- und Kaufkraftverlustes wird. Die Bondmärkte nehmen dies vorweg. Die Aussicht auf höhere Leitzinsen in den USA und erwartungsgemäß – mit Nachlauf – in der Eurozone führte zu steigenden Bondrenditen. Die Diskussion unter Marktakteuren und Volkswirten war im Wesentlichen über die Inflationsseite bestimmt. Mahnende Stimmen in Richtung Konjunkturrisiko waren entweder Mangelware oder wurden übertönt.

Die zehnjährige Bundrendite schwang sich in diesem Jahr auf Höhen, die man seit rund sieben Jahren nicht mehr gesehen hatte. 1 % konnte bei der laufenden Verzinsung wieder eingestrichen werden. Solche Niveaus gab es zuletzt im Juni 2015. Selbst 1,1 % wurden fast schon mit Leichtigkeit überschritten. Am US-Staatsanleihenmarkt gingen die zehnjährigen Sätze bis über 3,1 %. Und nun in diesen Tagen die Rolle rückwärts. Zehnjährige Bunds machten Riesenschritte zurück unter die 1-Prozent-Marke. Bis auf 0,84 % ging es herunter. Damit einher geht eine Änderung der Betrachtung.

Ausgelöst wurde sie durch die Inflationsdaten in den USA. Nach den kräftigen Anstiegen geht die Inflationsrate erstmals seit August vorigen Jahres zurück, wenn auch nur leicht. Die Teuerungsrate für Waren und Dienstleistungen sank im vorigen Monat auf 8,3 % von 8,5 % im März. Das ist zwar wahrlich kein Grund für einen Jubelschrei, liegt die Teuerung doch noch immer auf nicht akzeptablen Höhen. Aber es führte zu einer leicht veränderten Betrachtung. Ob sie hält, muss abgewartet werden. Nun bekamen die Konjunkturskeptiker die Oberhand. Viele im Markt rechnen damit, dass die US-Notenbank zur Bekämpfung der Inflation den Leitzins weiter anheben wird. Doch genau das könnte für die US-Konjunktur zum Problem werden: Würgt die Fed womöglich die Konjunktur über die Zinsanhebungen wieder ab, lautet die bange Frage, die sich mehr und mehr Anleger an den Märkten stellen.

Und somit wird am Markt nun die wirtschaftliche Abschwächung eingepreist. Die Kurve der US-Staatstitel ist derzeit enorm flach – Anfang April war sie ja schon invertiert. Für zweijährige US-Treasuries gibt es rund 2,6 % Rendite, 2,87 % bei fünf Jahren Laufzeit und mit 2,9 % nur unwesentlich mehr bei zehnjährigen US-Treasuries. Und wer 3 % will, muss sich sputen, denn gerade einmal 3,05 % gibt es derzeit noch, man muss sein Geld dann aber für 30 Jahre in US-Staatspapieren binden. Flache Kurven signalisieren in der Lesart der Bondmärkte eine konjunkturelle Verlangsamung. Sollte sie eintreten, könnte die Fed auch wieder auf die Bremse treten, will heißen nicht so stark erhöhen, wie es mancher vor Monaten erwartet hatte und vielleicht noch erwartet.

Hinzu kommt – insbesondere wirkt sich dieser Aspekt auf Europas aus – der Ukraine-Krieg. Er führt zwar zu Preissteigerungen bei Energieträgern und Rohstoffen und hat wirtschaftliche Konsequenzen. Eine Rezession in Europa ist – je nachdem, wie lange der Krieg noch dauert und wie intensiv er wird – nicht mehr völlig von der Hand zu weisen. Inflationsschübe sollten im Gefolge des Krieges weiter eintreten, die Wirtschaft sollte aber auch über Lieferunterbrechungen, Umsatzausfälle, Gewinnrückgänge belastet werden. Womöglich folgen auch Insolvenzen und Entlassungen. Das lässt das Pendel an den Märkten zurückschwingen. Risikobehaftete Assets wie Aktien zeigen ebenso Rücksetzer wie die Bondrenditen, was gerade dieser Tage zu beobachten war bzw. ist. Rezessionssorgen ließen auch den Kupferpreis in die Knie gehen. Weniger als 9 000 Dollar je Tonne des Industriemetalls mussten dieser Tage noch bezahlt werden. So niedrig war der Preis zuletzt im Oktober vorigen Jahres.

Und noch etwas kommt hinzu: Die Anleger nehmen einerseits die höheren Bondrenditen zum Beispiel im zweijährigen US-Treasury-Bereich gern wieder mit, andererseits tritt bei den sicheren Bundesanleihen und den US-Staatstiteln auch wieder der Status des sicheren Hafens hervor. Diese höhere Nachfrage treibt die Bondpreise rauf und die Rendite wieder herunter. Sollte sich die Rezessionsangst weiter verfestigen, sind weitere Renditerückschläge einzukalkulieren.

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