EU-Bürger können künftig ihre persönliche Inflationsrate berechnen

Frankfurt am Main () – Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union können zukünftig ihre persönliche Inflationsrate berechnen. Die Europäische Zentralbank (EZB) startete am Mittwochabend einen neuen Online-Rechner, der unter Berücksichtigung der eigenen Gewohnheiten und des eigenen Konsumverhaltens ausrechnet, wie stark jeder persönlich vom Anstieg der Preise betroffen ist. Zuletzt war die Inflation aufgrund der Pandemie stark angestiegen.

Die neue EZB-Bildungsinitiative erklärt, was genau Inflation ist, wie sie gemessen wird und was der Unterschied zwischen der wahrgenommenen und der realen Inflation ist. Abrufbar ist das neue Portal in 23 verschiedenen Sprachen.

In einem personalisierten Feld können Besucherinnen und Besucher der Internetseite die eigenen monatlichen Ausgaben in verschiedenen Kategorien wie Ernährung, Mobilität, Miete oder Freizeitbeschäftigung angeben und sie mit dem realen Warenkorb der Güter und Dienstleistungen der durchschnittlichen Bevölkerung vergleichen. Diese Daten werden anhand aktueller Statistiken regelmäßig aktualisiert.

Das Ergebnis ist eine persönliche Inflationsrate, die häufig von dem realen Preisanstieg abweicht, der von den nationalen Behörden errechnet wird. Dieser basiert auf gewichteten Preisveränderungen, ist also abhängig von den gesamten Haushaltsausgaben für Güter und Dienstleistungen.

Die EZB möchte mit dieser Anwendung den Unterschied zwischen der individuell wahrgenommenen und der real gemessenen Inflation deutlich machen. Dieser Unterschied, der bereits seit Jahren beobachtet wird, betrug im Sommer 2020 fünf Prozentpunkte. Die wahrgenommene Inflation betrug laut EZB damals 5,4 Prozent in der Eurozone, die gemessene Inflation lediglich 0,4 Prozent.

Das Angebot der EZB kommt zum Zeitpunkt einer wieder ansteigenden Inflation, insbesondere in Europa. Dies liegt unter anderem an einer steigenden Nachfrage, der die Produktion aufgrund von Lieferschwierigkeiten in verschiedenen Sektoren nicht nachkommen kann.

Der aktuelle Anstieg der Verbraucherpreise könnte sich in der zweiten Jahreshälfte noch beschleunigen und in Deutschland auch die Grenze von drei Prozent übersteigen. Dieser Anstieg könnte auch zur Debatte um eine mögliche schrittweise Verschärfung der Geldpolitik beitragen, wenn der EZB-Rat am 10. Juni zusammentritt.

Im April hatte die EZB eine Reduktion ihrer Beihilfen noch für verfrüht gehalten, weil eine “nachhaltige” Erholung der Wirtschaft noch nicht in Sicht sei. Außerdem gebe es aktuell “keinerlei Risiko, dass die Eurozone langfristig in eine Phase der Inflation rutscht”, sagte der Vorsitzende der französischen Zentralbank, François Villeroy de Galhau, am Dienstag.

Die Bildungsinitiative der EZB zur Inflation fällt außerdem in die Zeit einer allgemeinen Überprüfung der EZB-Geldpolitik. Diese soll bis zum Herbst abgeschlossen sein und das Ziel einer Inflation von “unter, aber nahe zwei Prozent” neu überdenken. Eine solche Inflationsrate gilt als optimal für eine Marktwirtschaft und ist bereits seit 2003 oberstes Ziel.

Bild: © AFP/Archiv Ina FASSBENDER / Kunde in einem Supermarkt

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AFP