Im Zweifel Leitartikel von Friedrich Roeingh zur Ungewissheit in der Pandemie

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Mainz (ots) – Nehmen Sie auch wahr, wie sehr diese Pandemie polarisiert? Und die mangelnde Aussicht auf Besserung in einem langen Winter polarisiert noch viel mehr. Wir können doch nicht alles lahmlegen? – sagen die einen. Verstehen die nicht, dass es einen harten Schnitt braucht, weil sonst alles noch viel schlimmer und langwieriger wird? – sagen die anderen. Und auf uns prasseln diese Positionen ja nicht nur ein. Wenn wir ehrlich sind, wüten sie in den meisten von uns selbst. Heute neigen wir zu der einen Seite, morgen zu der anderen. Wir sind im ständigen Selbstgespräch – ohne zu einem klaren Ratschluss zu kommen. Und häufig, ohne uns das selbst einzugestehen.

Wird der Gesundheitsschutz nicht verabsolutiert? Warum vermeide ich dann selbst, mit dem Bus zu fahren? Sterben die Alten an Corona oder mit Corona – und ist ihre Vereinsamung nicht viel schlimmer als das eine oder andere Opfer? Ach so, die Ärzte müssen tatsächlich bald entscheiden, wen sie retten und wen nicht? Verlieren wir mit den ganzen Verboten nicht das Wichtigste: Die Bereitschaft der Leute mitzumachen? Oder sind härtere Strafen und Kontrollen die einzige Form der Kommunikation, die manche Leute verstehen? Oder gilt etwa beides? Warum können sich Bund und Länder nicht endlich mal auf eine klare Linie einigen? Oder wäre es nicht zwingend, den Streit auch noch in den Parlamenten auszutragen? Machen die das in Taiwan, in Japan und in Südkorea nicht viel besser als wir? Oder liegt es eher daran, dass diese Gesellschaften ganz anders ticken? Müssen wir unsere individuellen Freiheitsrechte verteidigen? Oder sollen wir sie nicht besser ein einziges Mal hintanstellen?

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Wir schwanken dabei nicht nur hin und her, wir überführen uns auch regelmäßig der eigenen Fehleinschätzungen. Was hat uns das Gefasel von der zweiten Welle genervt: “Angstmacherei!” Von wegen. Wir haben uns für eine Corona-Warn-App stark gemacht, die unsere Entscheidungsfreiheit nicht tangiert – jetzt schwant uns, dass ausgerechnet der Datenschutz das einzige Freiheitsrecht in der Pandemie ist, das wir fälschlicherweise zum absoluten Tabu erklärt haben. Wir haben aufgeschrien, als Theater und Museen geschlossen wurden. Inzwischen fragen wir uns, ob denn die Schulen offenbleiben können. Es ist allerdings leichter, sich aufzuregen, den anderen der überzogenen oder der sorglosen Position zu schelten, als die eigene Verunsicherung zuzugeben.

Dabei ist in einer Situation wie dieser Demut besser als Zorn und Schlaumeierei. Ein wenig Achtung vor denen, die die Bürde der Entscheidungen auf sich nehmen, ist besser als der bequeme Ruf nach anderen, die es angeblich besser könnten. In jedem Fall ist das Schlüsse-aus-Fehlern-ziehen besser als das “Ich hab’s doch gewusst”. Das heißt nicht, dass wir uns fatalistisch unserem Schicksal ergeben sollten, dass wir das Suchen und den Streit um die wahrscheinlich richtigen Entscheidungen den anderen überlassen sollten. Gerade jetzt bitte nicht. Das heißt auch nicht, dass Medien nicht mehr Fehlentscheidungen ausleuchten sollen – auch wenn sie diese vorher selbst nicht erkannt haben. Das ist schlicht ihre Aufgabe. Grundsätzlich aber tun wir gut daran, uns den Imperativ der Selbstgewissheit abzutrainieren: Mehr Suchen und Zweifeln als eilfertige Ratschläge erteilen. Und sich engagierter für die Verlierer dieser andauernden Naturkatastrophe einsetzen – nicht nur politisch, nicht nur medial, sondern im eigenen Umfeld auch ganz persönlich.

Quellenangaben

Textquelle: Allgemeine Zeitung Mainz, übermittelt durch news aktuell
Quelle: https://www.presseportal.de/pm/65597/4769953
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