Neil Harbisson will die Zeit kontrollieren

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Neil Harbisson will die Zeit kontrollieren

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Neil Harbisson hat einen akkuraten blonden Haarschnitt, er ist ordentlich angezogen, gebildet, freundlich und vernünftig. Auf den ersten Blick unterscheidet sich Neil nicht von anderen jungen Leuten mit Mitte 30. Wäre da nicht dieses komische Ding, das aus seinem Kopf ragt und das ein wenig wie eine Leselampe aussieht. Dieses Ding macht aus Neil Harbisson einen Cyborg, den ersten und einzigen dieser Art, den es auf der Welt gibt. Diese die mit Neils Schädel verbundene „Farb-Antenne“ soll aber erst der Anfang sein.

Farben hören

Harbisson ist Aktivist, ein Künstler und seit seiner Geburt farbenblind. Als Kind konnte er mit dem rosaroten Panther ebenso wenig anfangen wie mit den Gelben Seiten oder dem blauen Himmel. Zunächst versuchte Neil, dieses Problem einfach zu ignorieren und akzeptierte seine Welt in schwarz-weiß. Dann gab es plötzlich eine Möglichkeit, sein Problem auf eine ungewöhnliche Art und Weise zu beheben, und zwar mit der Hilfe eines Sensors. Dieser Sensor in Neils Kopf registriert die sichtbare wie auch die nicht sichtbare Wellenlänge des Lichts in seiner direkten Umgebung. Der Sensor übersetzt dann diese Vibrationen, die Neil anschließend in Form von Tönen wahrnehmen kann. Bevor er das Implantat bekam, hat er sich für jede Tonhöhe eine bestimmte Farbe eingeprägt. Heute kann er Farben praktisch hören, wobei Rot ein dunkler Ton ist, Orange in der Mitte liegt und Gelb hell klingt.

Ein Sinnesorgan

Seit 2004 trägt Neil sein Implantat, das ihm ein anonymer Arzt eingesetzt hat. Zwei Monate hat es nach der Operation gedauert, bis die Knochen und das Implantat endlich zusammengewachsen sind. Aber so leicht, wie der heute 34-Jährige sich das vorstellte, ist es leider nicht. Neil bekam von den vielen Eindrücken und der Flut an Informationen starke Kopfschmerzen. Diese sind jedoch wieder verschwunden, als er sich an den Sensor gewöhnt hatte. Der Künstler nennt sein Implantat sein neues Sinnesorgan, dem er ein neues Leben verdankt. Seit 2009 kann der junge Mann auch UV-Infrarotstrahlung wahrnehmen und seit sechs Jahren ist er mit dem Internet verbunden. Dank des Sensors konnte sich Neil auch mit den Astronauten auf der ISS unterhalten. Er hört die Farben im Museum und wenn er Obst und Gemüse einkauft.

Die Zeit kontrollieren

Für viele ist die Erweiterung der Sinne nur übertriebene Kunst, für andere hingegen ein Modell für die Zukunft. Bislang gehört der Brite Neil Harbisson zu einer Handvoll von Verrückten, was dieser allerdings weit von sich weist. Neil hat große Pläne, denn er will ein zweites Sinnesorgan in seinem Kopf. Damit möchte er dann die Zeit fühlen, um schöne Momente länger wahrnehmen zu können. In wieweit das möglich ist, weiß aber noch niemand.

Mitten auf der Stirn ist es zwölf Uhr, am Kinn sechs Uhr, am linken Ohr neun und am rechten Ohr drei Uhr. Ähnlich wie die Augen optische Illusionen sehen können, so wird es einem Organ möglich sein, zeitliche Illusionen zu schaffen. Davon ist der Cyborg Neil Harbisson fest überzeugt. Menschen altern physisch zwar immer noch, jedoch fühlt sich ihre Lebenszeit deutlich länger an. Aus tatsächlichen 80 Jahren werden dann eines Tages 150 Jahre. Neil Harbisson Visionen klingen, als wäre nur noch eine Operation notwendig.

Bild: © Depositphotos.com / Kuzmafoto

Ulrike Dietz

Ulrike Dietz

Ulrike Dietz ist verheiratet, Mutter von zwei Kindern und lebt im Hochsauerland. Die Journalistin und Buchautorin schreibt Artikel zu vielen verschiedenen Themen.
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