Studie: Hälfte der Mittelschicht beklagt Einbußen von Einkommen durch Pandemie

Düsseldorf () – Die Corona-Pandemie könnte einem Jahrzehnt zunehmender Stabilität und gefühlter in der deutschen Mittelschicht ein Ende bereitet haben. Laut dem am Mittwoch vorgestellten Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung berichtet rund die Hälfte der Mittelschicht von Einkommensverlusten durch die Pandemie. Ärmere Haushalte waren demnach besonders häufig von pandemiebedingten Einkommensverlusten betroffen. Dies könne zu zunehmender sozialer Ungleichheit führen, warnte das WSI.

In den vergangenen gut 20 Jahren zeigte sich mit Blick auf die Einkommensungleichheit demnach ein gemischter aber zuletzt positiver Trend: So stieg die Ungleichheit zu Beginn der 2000er Jahre deutlich an und stagnierte dann auf hohem Niveau. Bis Mitte der 2010er Jahre erreichte die Ungleichheit neue Höchstwerte, ab 2017 nahm sie wieder etwas ab. Das Fazit der Studienautoren: Trotz zunehmender geriet die Mittelschicht, definiert als Haushalte mit einem zwischen 1500 und 3500 Euro monatlich, nicht zusätzlich unter Druck.

Diese Entwicklung spiegelte sich neben einer immer besseren Arbeitsmarktlage auch in den Sorgen und Ängsten der Mittelschicht wider: Zwischen 2010 und 2019 halbierte sich die Anzahl der Menschen, die sich Sorgen um den Verlust ihres Arbeitsplatzes machten, nahezu von 54 auf 30 Prozent. Auch die Sorgen um die eigene finanzielle Situation und nahmen ab. 

Für ärmere Haushalte und einen Teil der Mittelschicht könnte sich dieser positive Trend durch die Corona-Pandemie jedoch umgekehrt haben, warnte das WSI. So waren Haushalte mit einem Einkommen bis 1500 Euro mit gut 62 Prozent besonders häufig von pandemiebedingten Einkommenseinbußen betroffen. Auch die untere Mittelschicht, also Haushalte mit einem Einkommen zwischen 1500 und 2000 Euro, gab zu 54 Prozent an, Einbußen erlitten zu haben. In der oberen Mittelschicht büßten demnach bisher zwischen 45 und 47 Prozent der Haushalte an Einkommen ein.

Die Sorgen um die eigene wirtschaftliche Situation waren in einkommensschwachen Haushalten entsprechend größer: 26 Prozent äußerten hier große Sorgen, bei den einkommensstarken Haushalten waren es lediglich neun Prozent, das Bild bei der Sorge um die berufliche Situation war ähnlich.

“Trotz der empfundenen Arbeitsplatzsicherheit sorgen sich die Personen noch stark um ihre finanzielle Situation”, sagte Studienautorin Aline Zucco. Dies mache deutlich, dass viele Menschen in Jobs arbeiteten, die ihnen auf lange Sicht keine sichere finanzielle Perspektive bieten. Insbesondere diejenigen, die nicht sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, seien schlechter abgesichert.

“Arbeit wirkt offensichtlich nicht mehr für alle als Versprechen, auch finanziell und vor allen Dingen langfristig gut abgesichert zu sein”, sagte die wissenschaftliche Direktorin des WSI, Bettina Kohlrausch. Dass dieses Gefühl zunehmend auch die Mittelschicht betreffe, sei ein “besorgniserregender Befund”.

Das WSI plädierte deshalb für einen Abbau des Niedriglohnsektors und eine Ausweitung von sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen. Nötig sei außerdem eine Stärkung der betrieblichen Mitbestimmung. “Die Löhne sind dort höher, wo es in Betrieben Mitbestimmung gibt und wo tarifgebunden gearbeitet wird”, sagte Kohlrausch.

Nötig sei außerdem eine aktive Industriepolitik. Der Staat müsse für gute Rahmenbedingungen für einen sozioökologischen Wandel sorgen. Auch über eine bessere soziale Absicherung von Selbstständigen müsse nachgedacht werden, forderte das WSI.

Für den Verteilungsbericht analysierten die Autorinnen und Autoren zwei Panelbefragungen: Das Sozioökonomische Panel (SOEP) umfasst rund 16.000 Haushalte und reicht für die Einkommen bis 2018, für die Sorgen und Ängste der Befragten bis 2019. Die Einkommenstrends während der Corona-Pandemie wurden mittels einer Erwerbspersonenbefragung unter 3800 Teilnehmern der Hans-Böckler-Stiftung analysiert.

Bild: © AFP PHILIPPE HUGUEN / Studie: Corona-Pandemie trifft ärmere Haushalte am stärksten

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AFP