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Wie viele Fehler erlaubt Covid-19?

Regensburg (ots) – Der erste Akt der Aufklärung des bayerischen Corona-Test-Debakels vollzog sich jetzt im Gesundheitsausschuss des Landtags. Gesundheitsministerin Melanie Huml und Staatskanzleichef Florian Herrmann schlugen sich wacker und gelobten, aus der Lektion gelernt zu haben bei gewisser Schönfärberei. Denn als Prototyp mit zwangsläufigem Fehlerpotenzial waren die Teststationen für Reiserückkehrer bisher nicht deklariert, vielmehr als beachtliche Dienstleistung für die ganze Republik. Die Leidenschaft von SPD, FDP und Grünen beim Sezieren der Mega-Testpanne mag zum Teil parteipolitisch motiviert sein, es mag Genugtuung mitschwingen, dass die Fehler auch Regierungschef Markus Söder als Deutschlands obersten “Corona-Sheriff” entzaubern. Doch die Opposition hakt zu Recht akribisch nach, damit sich das Kuddelmuddel bei einer möglichen neuen Corona-Welle im Herbst nicht wiederholt. Ein “Schwamm drüber” nützt nichts. Söder hat es formuliert: Was passiert ist, verfehlt die Ansprüche, die Bayern sich stets selber steckt. Deutlich wird in der Causa, wie eng die CSU die Reihen schließt. Die Verteidiger Humls bilden dabei unausgesprochen vor allem auch einen Schutzwall um Söder. Es ist nicht der einzige Rückhalt, den Söder erfährt. Aktuell meldet sich auch aus der Bürgerschaft eine beachtlich große Zahl von Söder-Verteidigern zu Wort. Ihre Entschuldigungformel: “Jeder kann einmal einen Fehler machen” oder “Wer nichts macht, macht auch nichts falsch.” Zur Aufklärung der Sache trägt das nicht viel bei, aber es ist bemerkenswert. Söder hat mit seinem Corona-Krisenmanagement seit März nicht nur die eigenen Umfragewerte nach oben geschraubt – eine Währung, die als sehr flüchtig gilt. Er hat sich darüber hinaus offenkundig echte tiefe Sympathien erworben. Das Verzeihen von Fehlern ist dabei (vorerst) inklusive. Tatsächlich trägt Söder am Test-Debakel einen gehörigen Anteil: Er wollte die Gratis-Tests für Reiserückkehrer von jetzt auf gleich, gestattete wenig Zeit für die Vorbereitung. Sein Führungskonzept, durch größten Druck Höchstleistungen zu erzwingen, funktioniert häufig. Dieses Mal ist die Strategie gescheitert. Bei Söder muss Gewissheit reifen, dass manches wirklich nicht auf Knopfdruck möglich ist. Fakt ist: 900 der Infizierten, die sich an Autobahnen, Flughäfen oder Bahnhöfen in Bayern testen ließen, wurden viel zu spät informiert, weitere rund 50 sind überhaupt nicht mehr zu ermitteln. Was Söder und Huml ein wenig aufatmen lassen dürfte: Unter den Infizierten scheint kein “Superspreader” gewesen zu sein, der viele angesteckt hat. Jedenfalls ist davon bisher nichts bekannt. Das Testdebakel wirft die grundsätzliche Frage auf, welche Fehler Covid-19 erlaubt und wie viel Verantwortung jenseits der Politik jeder einzelne Bürger trägt. In Schwandorf wanderten diese Woche 100 Geburtstagsgäste und 20 weitere Kontaktpersonen in Quarantäne, weil ein infizierter Reiserückkehrer bei der Party unwissentlich mitfeierte. Er wähnte sich gesund, weil ihm nach eigenen Worten an der Teststation im Falle einer Infektion binnen 24 Stunden eine Warnmeldung versprochen worden war. Die Ernüchterung folgte an Tag 3, als das positive Ergebnis eintraf. So viel vorweg: Bayerns Teststrategie hatte in diesem Fall nicht versagt. Auch drei Tage Wartezeit bis zum Testergebnis sind bei dem aktuell hohen Andrang an Teststationen beachtlich. Wäre es immer so gewesen, gäbe es keine Test-Affäre. Bleibt die Gewissenfrage: Hätten Sie selbst in ähnlicher Lage auf den Besuch der Geburtstagsparty verzichtet? Covid-19 erlaubt nicht viele Fehler: Das gilt speziell für Reiserückkehrer. Ein Urlaub in sicheren Regionen ist zwar trotz Pandemie möglich, ein Restrisiko reist aber immer mit. Die vielen Positivbefunde an Bayerns Teststationen zeigen: Es ist nicht klein.

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Textquelle: Mittelbayerische Zeitung, übermittelt durch news aktuell
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